Der erste Eintrag
Warum ich das hier für zwölf Leute schreibe
Ich fange mit der unangenehmsten Zahl an: Diese Seite hat kaum Besucher. Auf Bluesky reagieren auf meine Posts an guten Tagen eine Handvoll Leute. Wer einen Blog startet, um Reichweite aufzubauen, würde jetzt aufhören. Ein Blick auf die Dimension der Parteispenden zeigt auch, dass das nicht mal ein Tropfen auf einem heißen Stein ist.
Ich lege trotzdem mal los, und der Grund ist nicht Hoffnung auf Wachstum. Der Grund ist, dass sich etwas an mir verändert hat, seit ich eine konkrete Forderung habe.
Ständig genervt
Nachrichten lesen, sich ärgern, weiterscrollen (oder gar einfach ausschalten). Über Bürgergeld-Debatten, über Rentnerinnen mit 900 Euro, über Menschen, die drei Anträge stellen müssen, um an das zu kommen, was ihnen zusteht. Und am Ende dieses Gefühls steht immer derselbe Satz: Die Politik müsste halt mal was Vernünftiges machen.
Das ist so ein Nerv-Satz. Er kostet nichts, verpflichtet zu nichts und lässt sich von niemandem beantworten. Wir sagen den nun schon jahrzehntelang, ohne dass sich irgendetwas bewegt. Bei mir selbst am wenigsten. (Und eine Entschuldigung an der Stelle vorweg - was zur Hölle ist mit der Grundeinkommens-Bewegung passiert. Gegen welche Wände rennen die seit Jahrzehnten?)
Das mit der Formel ist nun etwas anderes. Über eine Formel kann ich streiten. Man kann sie durchrechnen, man kann Zahlen einsetzen, man kann sie widerlegen. Genau das ist der Unterschied, um den es mir geht: Seit ich statt „bessere Politik" sagen kann „ein Einkommen in Höhe der Armutsrisikoschwelle, das nach Z = S · (1 − (G/M)²) abschmilzt, statt an willkürlichen Verdienstgrenzen abzureißen" (mache ich nie, aber der Gedanke zählt), bin ich in Diskussionen nicht mehr der Genervte. Ich bin der mit dem Vorschlag. Das fühlt sich, ganz nüchtern gesagt, deutlich besser an. Und für den Unterricht wollte ich auch nicht der verbitterte Politikdozent sein, der Trump und Merz nicht erklären kann. Außerdem…
Der Moment, in dem es Klick gemacht hat
Ich hatte keine Lust mehr, im Unterricht „Grundeinkommen" zu sagen und entweder gar keine Reaktion zu bekommen oder einfach die typischen Mythen über das RIFF (Reiche. Inflation. Finanzierung. Faule.) diskutieren zu müssen. Ich habe Unterricht für Bundesfreiwillige angeboten. Politische Bildung. Quasi eine Woche Internat und die volle Dröhnung. Das waren also alles Erwachsene da vor mir (selten waren die unter 18). Alle im Freiwilligendienst, den sich heutzutage fast nur noch junge Menschen aus besser gestellten Familien leisten können, weil 400 Euro „Aufwandsentschädigung" nun mal nicht für den START ins eigene Leben reichen. Und da war es. Warum eigentlich mit „Grundeinkommen" einen Begriff verwenden, der belastet ist und eine Debatte nicht mehr voran bringt?
Das war der Punkt, an dem mir klar wurde: Das Thema ist nicht zu kompliziert für normale Leute. Es ist nur schlecht erzählt worden.
Warum nicht einfach „Grundeinkommen"?
Weil der Begriff verbrannt ist. Genau wie ich kein Hoffnungskonzept mit “negative Einkommenssteuer” durchbringe, wenn es BAMS und WAMS und Spiegel nicht wollen. Da steckt der Fehler schon im Namen. Außerdem steht “Grundeinkommen” seit Jahren in den Medien (immer latent negativ, mit der immerselben Frage). Bei den Grünen zum Beispiel ist es das sorgsam gepflegte Prüfauftrags-Feigenblatt, das nie durchgerechnet und nie ernsthaft verteidigt werden muss. Genau deshalb löst das Wort bei den meisten Menschen sofort dieselben zwei Reflexe aus: „Wer arbeitet dann noch?" und „Wer soll das bezahlen?"
Startergeld ist mein Versuch, diese Einwände schon im Konzept zu beantworten statt hinterher wegzudiskutieren. Zwei Bausteine machen dabei die eigentliche Arbeit.
Der erste ist die Armutsrisikogrenze. Sie ist keine politische Größe, sondern eine statistische: 60 Prozent des mittleren Einkommens, EU-weit einheitlich definiert, jedes Jahr neu erhoben. Kein Minister kann sie kleinrechnen, kein Koalitionsausschuss sie um zwölf Euro schieben, keine Verordnung sie „an die Erwerbsobliegenheit anpassen". Genau das passiert heute mit den Regelsätzen und genau deshalb wird über Armut in Deutschland seit Jahrzehnten verhandelt, statt sie zu beenden. Wenn diese Zahl der garantierte Startwert ist, fällt niemand mehr darunter. Nicht, weil jemand großzügig war, sondern weil die Rechenregel es nicht mehr zulässt.
Der zweite ist die Abschmelzkurve und das ist der Teil, über den ich eigentlich reden will. Heute verliert man an bestimmten Punkten für jeden verdienten Euro einen ganzen Euro Unterstützung, manchmal mehr. Wer aufstockt, wer nebenbei gründet, wer den ersten Auftrag annimmt, rechnet das aus und lässt es bleiben. Beim Startergeld gibt es diese Kanten nicht: Von jedem zusätzlich verdienten Euro bleibt immer etwas übrig, über die gesamte Kurve hinweg. Mehr Leistung heißt ausnahmslos mehr Geld. Das ist kein Netz für Leute, die nichts tun. Es ist Startkapital für die, die anfangen wollen. Für die Gründerin ohne Rücklagen, für den Freiberufler im dritten mageren Monat, für die Bundesfreiwillige, deren Eltern nicht zuzahlen können.
Was hier passieren wird
Zwei- bis dreimal pro Woche nehme ich mir eine Diskussion vor, die mir auf Bluesky begegnet ist. Ärger über Mietpreise, über Minijob-Grenzen, über Rentenpunkte, über Jobcenter-Termine und rechne durch, was das Startergeld daran ändern würde. Und was nicht. Der zweite Teil ist mir dabei genauso wichtig wie der erste; ein Vorschlag, der angeblich alles löst, löst erfahrungsgemäß nichts.
Ob das jemand liest, weiß ich nicht. Es zwingt mich, meine eigene Idee jede Woche zweimal gegen die Wirklichkeit zu halten. Und es hat den Nebeneffekt, dass ich Nachrichten wieder lesen kann, ohne mich anschließend schlecht zu fühlen.
Das reicht mir erst mal.